Kontext

 

Das Theatergedächtnis Berlins

Allein 2016 boten die Berliner Bühnen, Orchester und Tanzgruppen über 9.000 Vorstellungen, darunter mehr als 400 Neuproduktionen.

Was aber bleibt von einer Theater-Inszenierung, wenn sie nicht mehr gespielt wird? Was bleibt dann von ihr für die vielen Theaterinteressierten, was für diejenigen, die sich forschend und lehrend mit Theater befassen? Wo bleibt, jenseits seiner schillernden und aufregenden Theatergegenwart, Berlins Theatervergangenheit.

 

Unzählige Materialien finden sich, verstreut wie geordnet, in Archiven, Bibliotheken, Museen, in Sammlungen und in den Theaterhäusern der Stadt. Mit jeder Spielzeit kommen neue hinzu. Gleichzeitig fehlt es an verlässlichen Rahmenbedingungen, an strategischen Planungen und ausreichenden Ressourcen, um flächendeckend systematisch zu bewahren, zu ordnen, zu verzeichnen und die öffentliche Zugänglichkeit sicher zu stellen. Keine einheitliche Klärung gibt es dazu, wie Theaterhäuser vor Ort bewahren und archivieren sollten. An Einheitlichkeit fehlt es auch, bei der Übergabe an in Berlin verantwortliche Institutionen für die archivalische Abgabe.

 

Für die Unterschiedlichkeit und Intransparenz der Übertragung und Abgabe von Theaterarchiven oder Beständen stehen Vorgänge wie die seinerzeitige Übertragung des Archivs der Staatsoper in Teilen sowohl an das Landesarchiv als auch an das Stadtmuseum, das Schicksal der Überlieferung des Metropol Theaters, die jüngst erfolgte Übernahme der Theaterarchive der Volksbühne und des Berliner Ensembles durch die Akademie der Künste.

 

Die Kommunikation, Kooperation und Übernahme von Verantwortung aller an der Bewahrung und Zugänglichmachung von Quellen und Materialien des Theaters interessierten und dafür beauftragten Institutionen gilt es, in engem Zusammenwirken mit der Verwaltung und Kulturpolitik Berlins wirksam und dauerhaft zu stärken. Gemeinsam muss dringend eine langfristige Strategie der Sicherung, des Erhalts und der Zugänglichmachung der ideellen und materiellen Quellen der Berliner Theatervergangenheit erarbeitet werden.

 

Nach vielfältigen fachlichen Verständigungen, aber auch angeregt durch die Intendantenwechsel am Berliner Ensemble und an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz sowie die in diesem Zusammenhang erfolgte Übernahme von deren Archiven durch die AdK, sehen die Partner des Runden Tisches inzwischen die Notwendigkeit, die Topographie und Situation der in Berlin materialisierten Wissens- und Erfahrungsbestände von Theater und seiner gesellschaftlichen Wirkung, aber auch das Ausmaß ihrer Gefährdung öffentlich zu kommunizieren.

 

Was ist zu tun!

 

Für die Diskussion der Berliner Situation lassen sich als Problemfelder identifizieren:

 

  • die Situation der Archive und Sammlungen in den Theatern ist divers und instabil; ehemals in den Abteilungen der Dramaturgie oder der Öffentlichkeitsarbeit der Theater angesiedelte Stellen der Archivarbeit laufen aus oder sind schon seit längerer Zeit nicht mehr vorhanden. Zugänge zu den Archiven der Theater sowohl für die Forschung und Lehre als auch für breitere Interessentenkreise sind nur sehr begrenzt gegeben, Online-Recherchen so gut wie unmöglich,

  • die Praxis der Erhaltung und des Verbleibs der Archive an den Theatern ist strukturell nicht geklärt und nicht transparent; sie ist vom Engagement einzelner Personen/Intendant*innen abhängig und nicht selten von Zufällen bestimmt,

  • trotz des vorgegebenen Rahmens des Archivgesetzes des Landes Berlin – ArchGB – existieren keine gesicherten Arbeitsstrukturen für verbindliche, transparente und nachhaltige Kooperationsformen zwischen den verschiedenen Theatern, Archiven, Sammlungen und den zuständigen Gedächtnisinstitutionen Berlins – dafür fehlt es bislang an einer generellen kulturpolitischen Strategie.

     

Gerade im Europäischen Kulturerbejahr 2018 wie auch im Kontext der Nominierung der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft für die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes müssen der ideelle Reichtum wie die nationale und internationale Bedeutung des Berliner Theaterschaffens in Vergangenheit und Gegenwart neu positioniert werden.